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City Slang - 20 Jahre Indiequalität

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CITY SLANG: 20 Jahre Indiequalität

Autor: Michael Döringer
Foto: Logo City Slang

Was einst aus der Not heraus als kleines Lizenzlabel entstanden ist, feiert nun seinen 20-jährigen Geburtstag: City Slang ist mittlerweile eine der ersten Adressen unter den europäischen Indielabels und blickt auf viele großartige Veröffentlichungen und eine ereignisreiche Zeit zurück.

Yo La Tengo, Hole, The Flaming Lips und The Notwist, daneben Get Well Soon, Health, Caribou, Junip und Arcade Fire. Ein kleiner Querschnitt aus dem City Slang-Katalog, der nicht nur von mehreren Indie-Generationen zeugt, sondern auch die ganz großen Namen beinhaltet. City Slang startete ganz klein, kämpfte sich durch harte Zeiten und ist nicht nur in Deutschland immer mehr zu einer Institution des guten Musikgeschmacks geworden. Das Besondere beim diesjährigen Großjubiläum ist, dass man sich keineswegs auf eine reine Retrospektive beschränken muss, denn der gegenwärtige Output braucht sich  hinter den großen Erfolgen der Vergangenheit nicht zu verstecken. So hält Christof Ellinghaus, Gründer und Chef des Labels, 2010 für eines der besten Jahre überhaupt: "Musikalisch war dieses Jahr unglaublich. Die Caribou-Platte halte ich für eines der größten Meisterwerke überhaupt, dann kamen die wunderschönen Alben von Arcade Fire und Junip. Die aktuelle Broken Social Scene ist zwar nicht so eingeschlagen, aber ich mag sie sehr." Besser war es nur zu Beginn der Nuller, als diejenigen Platten entstanden sind, die schon jetzt als absolute Klassiker gelten. Platten für die Ewigkeit, denen zum Jubiläum auch entsprechend Tribut gezollt wird. "Neon Golden" von The Notwist, "Is A Woman" von Lambchop und "Feast Of Wire" von Calexico kommen neben anderen als Bonus-Reissues neu ins Regal und wurden auf dem dreitägigen Geburtstagskonzert im November in Berlin auch in voller Länge aufgeführt (der Auftritt von The Notwist musste allerdings kurzfristig ausfallen). Nicht sich selbst, sondern die Musik wollte man dabei zelebrieren: "Jede der Bands hat schon so oft hier gespielt, und immerhin gibt es uns jetzt 20 Jahre, also dachten wir: Warum nicht was Besonderes machen, mit ein paar der schönsten Platten, die wir jemals gemacht haben."

Ellinghaus arbeitete unter anderem als Booker, bevor er 1990 City Slang gründete, das die ersten beiden Jahre als Sublabel von Vielklang, danach als eigenständige Firma lief. In den 80er Jahren entwickelte er eine Leidenschaft für amerikanischen Garage Rock Detroiter Schule und Indierock, die er als Tourplaner für Bands wie Nirvana, Mudhoney oder die Flaming Lips beibehielt. Als letztere sich bei ihm nach einem Label für ihre Europareleases erkundigten, übernahm er kurzerhand selbst und stampfte City Slang aus dem Boden. Katalognummer 001 erhielt darauf die EP "Favorite Spanish Dishes" der Lemonheads. In den folgenden Jahren betrieb das Label vor allem Lizenzdeals mit amerikanischen Labels und veröffentlichte Platten von Built To Spill, Yo La Tengo oder Sebadoh. Daneben begann man aber auch bald mit eigenen, deutschen Signings wie Schneider TM oder To Rococo Rot, was die Experimentierfreude bei City Slang beweist, da letztgenannte Acts das klassische Indierock-Spektrum schnell um Elemente aus Electronica und IDM erweiterten, ganz zu schweigen von den Ur-Post-Rockern Tortoise, die von 1994 bis 1998 einige ihrer besten Alben auf City Slang herausbrachten. Auch für Ellinghaus persönlich waren Tortoise ein Meilenstein: "Für mich gab es keine wichtigere Band in meinem ganzen Werdegang, weil die tatsächlich nach dieser ganzen Grunge-Scheisse, wo jede Band, die irgendwie betroffen geklungen hat und verzerrten Gitarren hatte, plötzlich bei einem Major unterschrieben hat, etwas völlig Anderes, Neuartiges gemacht haben."


Unabhängigkeit ist unbezahlbar

Die Lust auf Neues führte Ende der 90er dann auch dazu, dass Ellinghaus die Unabhängigkeit des Labels ein Stück weit aufgab und mit EMI zusammenarbeitete. Was die Veröffentlichungen angeht, dürfte dies allerdings die beste Zeit ever gewesen sein, alleine wegen "Neon Golden" und "Is A Woman" im Jahr 2002. Lange hielt die Zweckehe nicht, denn seit 2005 geht City Slang wieder eigene Wege. Das hatte natürlich seinen Preis, denn Haltung und eine Vorliebe für ernstzunehmende Popmusik machen einen nicht zum Millionär. Die prekären ökonomischen Verhältnisse der Anfangsjahre, als man oft kurz vorm Kollaps stand, sind allerdings längst vorbei. Gerade ein Megaseller wie Arcade Fire, die noch dazu durchgehend großartige Alben produzieren, ist für City Slang besonders wichtig, um zusätzlich ständig spannende und junge Bands zu pushen.

Christof Ellinghaus ist ein Mann, der mit seinem ganzen Leben an und in seinem Beruf hängt, und das macht ihn und sein Label so unglaublich sympathisch und authentisch. "Meine Frau sagt immer: Sag mal, muss ich mir erst 'ne Gitarre umhängen, damit ich bei dir eine Audienz kriege? Aber ich kann mir überhaupt keinen schöneren Beruf vorstellen, du triffst viele tolle kreative Menschen und erlebst musikalische Erfüllungen, wenn zum Beispiel so eine Caribou-Platte um die Ecke kommt. Ich habe aber immer alles nur aus dem Bauch gemacht und Dinge nicht groß hinterfragt oder unternehmerisch gedacht. Ich bin einfach ein Plattensammler, der sein Hobby zum Beruf gemacht hat."

Ohne jemals im Zentrum einer musikalischen Revolution zu stehen, hat City Slang es dennoch über all die Jahre geschafft, ein konstant hohes Qualitätslevel an Künstlern und Veröffentlichungen zu fahren und stets auf frische Sounds anstatt oller Rockkamellen zu setzen. Und dieser runde Geburtstag wird bestimmt kein Endpunkt sein, so sehr wie man in der Berliner Indie-Zentrale an neuer, aufregender Musik hängt, herzlichen Glückwunsch!


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