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Status Quo Vadis? - 30 Jahre SPEX

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Status Quo Vadis?: 30 Jahre SPEX

Autor: Michael Döringer
Foto: Logo Spex

Hate it or love it! Dazwischen scheint es in Bezug auf "Spex – Magazin für Popkultur" nicht viele Positionen zu geben, außer denjenigen, die sich von einstiger Verbundenheit immer mehr in Richtung starker Abneigung entwickelten. Seit 1980 erscheint "Spex" auf dem Zeitschriftenmarkt und trägt wie kein anderes Musikmagazin zugleich hohen Ruf und schwere Bürde mit sich herum. Dabei ist "Spex" nach wie vor eine der wichtigsten Stimmen im deutschen Musik- und Popdiskurs, ist gleichzeitig Meinungsmacher und Angriffsfläche und geht doch jeden etwas an, der sich ernsthaft mit Musik auseinandersetzt. Vieles wurde über "Spex", ihre Geschichte und ihre Leistungen geschrieben, im positiven wie negativen Sinn. Vielerorts schloss man spätestens durch die Verlegung der Redaktion von Köln nach Berlin im Jahr 2006 mit dem Magazin ab, sein lange beschworener Tod schien nun endgültig zu sein. Doch alledem zum Trotz präsentiert sich "Spex" auch im Jahr 2010 in feinster Hochglanz-Optik im Regal. Das dreißigste Wiegenfest soll Anlass sein, ein weiteres mal in der Vergangenheit zu wühlen und sich die gegenwärtigen Verhältnisse vor Augen zu führen.

Im Lauf der drei Jahrzehnte entstand eine eigene "Spex"-Welt, ein Wirkungskreis, um den sich regelrechte Mythen und Personenkonstellationen ranken. Diese Welt ist dabei alles andere als homogen, ständig erfolgten Generationen-, Perspektiv- und Paradigmenwechsel, die in Konsequenz Leserschaft und Rezeption veränderten. Durch den Untertitel "Musik zur Zeit" postulierte "Spex" Anfang der 80er Jahre eine Art Stunde Null: Entgegen einer Historizität, die vor allem der klassische Rockjournalismus – ein dezidierte Gegner – pflegte, beschäftigte man sich fast ausschließlich mit aktueller, unbekannter Musik aus dem New Wave-Bereich. Im Verlauf der 80er erweiterte man das musikalische Spektrum (wenn auch zögerlich) um Stile wie HipHop und elektronische Musik. Auf dem Zenith ihrer Schaffens- und Wirkungskraft in den Jahren von 1985 bis 1992 galt Spex als "ein verlässlicher Trend-Kompaß, der neben ein paar Pop-Vorlieben aus dem kommerziellen Bereich tatsächlich in Deutschland als einziges Heft spartenübergreifend Höhepunkte aus dem Underground zu featuren (ja erst einmal zu erkennen) wußte." (Martin Büsser). Das eigene Selbstverständnis las sich 1990 wie folgt: "'Spex' war eine Erfindung von Menschen, die am liebsten Musik hörten, tranken und politisierten und die dieser Existenzform ein Medium schafften wollten." Damaliges Alleinstellungsmerkmal war die neue Art, mit welcher der Pop-Diskurs geführt wurde, nämlich mit 'Neuer Ästhetik' innerhalb neuer Strukturen – ein Konzept namens 'Popism'. Und das bedeutete für Diedrich Diederichsen, Mr. "Spex" himself, in Kurzform: Eine wortlastige, narrative, mythenverliebte Bewegung; die Gegner sind Rock, Machos, Authentizismus, Heterosexismus und 'Altlinke', die Werte: Party, Style, Hipness, Eleganz, und Leichtlebigkeit. Unter diesem Banner entstand eine explizit deutsche Pop-Schreibe, ein sprunghaft-assoziativer, dekonstruktivistisch-postmoderner Stil, der mit altbackenem  Musikjournalismus und feuilletonistischer Meinungsscheiße nichts zu tun haben wollte.

Spätestens seit den 90er Jahren waren (Pop-)Kulturtheorie und Cultural Studies fester Bestandteil des "Spex"-Diskurses, ab 1997 wechselte der Untertitel hin zu "Das Magazin für Popkultur". Immer schon war "Spex" das wichtigste Medium einer deutschen Pop-Linken, in dem auch auf gesellschaftliche und politische Veränderungen wie Wiedervereinigung, Globalisierung, den Übergang von der Disziplinar- zur Kontrollgesellschaft und die digitale Revolution reagiert wurde. Wenig überraschend, dass derartige Abgrenzung qua Schwerpunktsetzung klare Feindes- und Freundeslager mit auf Gegenseitigkeit beruhender Ablehnung schuf. Die starke Theoretisierung von Popmusik, die langen, schwer zugänglichen Texte und ein bisweilen elitärer Habitus von "Spex"-Schreibern und ihrer hippen, gebildeten Leserschaft fand andernorts, wo der Heftinhalt als intellektuelles Gewichse verurteilt wurde, nicht mehr als Verachtung, was die Herausbildung eines eigenen sozialen und politischen Kosmos nur verstärkte.

Der Kölner Kulturjournalist und Buchautor Olaf Karnik begann schon kurz nach Gründung für "Spex" zu schreiben, bis er zuletzt 1998 ein Jahr lang den Posten des Chefredakteurs besetzte. Gerade Karnik weiß um die Heterogenität der "Spex"-Ära und die oft problematischen Entwicklungen: "Die beste Generation war für mich die erste, die ich kennengelernt habe. Gerald Hündgen, Peter Bömmels und die Leute damals. Das war ein anderer Menschentypus vor 30 Jahren, der eine andere Geschichte hatte. Die haben die linke Kadersozialisation der 70er durchgemacht, K-Gruppen und so weiter. Es ging ganz klar um Inhalte und auch Solidarität untereinander. Das hat sich im Laufe der Jahre immer mehr aufgeweicht, bis 'Spex' immer mehr eine Art Karrieremaschine geworden ist." Ökonomische Schwierigkeiten veranlassten die Gesellschafter in der zweiten Hälfte der 90er zu diversen Neuausrichtungen, im Zuge derer Karnik schließlich die Chefredaktion übernahm. "Die 'Spex' verlor ständig an Auflage, weil sie damals zu einem P.C.-Organ geworden war, das auch in sehr vielen Texten einen wissenschaftlich-theoretisch abgefederten Ansatz verfolgte. Anscheinend hat man dadurch sehr viele Leser verloren und keine neuen hinzugewonnen. Irgendwie war Christoph Gurk [Chefredakteur seit 1993, Anm. d. Verf.] amtsmüde, da hat man gesagt: 'Soll der Karnik das mal machen, der ist ja auch DJ und steht einerseits für Kontinuität und andererseits vielleicht für ein bisschen mehr musikalisches Spektrum, weniger P.C. und Theorie und so weiter.' Aber das war eigentlich nur ein gradueller Unterschied." Auf ähnliche Weise wurde ein Jahr später wegen drohendem Konkurs erneut gewechselt: Dietmar Dath übernahm, Theorie sollte wieder mehr Platz einnehmen. Was allerdings wirkungslos blieb, denn die inhaltliche und personelle Berg- und Talfahrt der 90er fand sein Ende im Jahr 2000, als die verlegerische Unabhängigkeit aufgegeben und "Spex" an den Piranha Verlag verkauft werden musste. 2006 wurde in der Chefetage gar der Umzug von Köln nach Berlin durchgesetzt – gegen den Protest der Redaktion, die darauf fast geschlossen das Handtuch warf.

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