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POPCONNECTION - Im Interview - The Rakes: "Du kannst Berlin auf dem Album hören"
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The Rakes

THE RAKES

"Du kannst Berlin auf dem Album hören"
Datum: 18. Januar 2009 (Hamburg)
Interview: Marc Philipp Meyer
Foto: Mathieu Zazzo

The Rakes sind der absolute Geheimtipp unter den British-Post-Punk-Bands. Ihre Hits "Danced Together", "The World Was A MessBut His Hair Was Perfect" und die alten Gassenhauer "Strasbourg" und "22 Grand Job" sprechen für sich. Seitdem sind The Rakes die viel geschätzte und oft auch unterschätzte Band, die sich stets musikalisch weiter entwickelt, sich selbst treu bleibt und auf ganzer Linie überzeugt. Im März wird ihr neues Werk "Klang" erscheinen. Der Titel spricht für sich. Schon beide Vorgänger-Alben klangen grundverschieden und auch "Klang" ist anders geworden. Um Neues auszuprobieren, hat es die jungen Haken nach Berlin verschlagen. Warum ihnen London nicht mehr kreativ genug erschien, weshalb sie "Klang" in Berlin produziert haben und inwieweit ihr neues Album ihr Energetischstes ist, beantworten uns die beiden Rakes-Gründer Gitarrist und Songschreiber Matthew Swinnerton und Bassist Jamie Hornsmith. Vor ihrem Intim-Konzert für das Intro-Magazin werde ich zwei jungen und schüchternen Menschen vorgestellt, die sich ein paar Meter weiter entlang eines üblen und gefährlichen Flures des besagten Hamburger Clubs als wahre Plaudertaschen erweisen.



POPCONNECTION: Bekannt wurdet ihr zusammen mit all den neuen britischen Post-Punk-Bands Bloc Party, Maximo Park und The Futureheads, dennoch finde ich, ist euer Sound anders. Ihr klingt rougher and eure Lyrics sind direkter. Wie würdet ihr persönlich eure Musik beschreiben?

Jamie: Ich finde du hast unsere Musik sehr gut beschrieben, dem ist nicht mehr viel hinzuzufügen.

Matthew: Genau, ein rougher Sound und direkte Texte, das ist es, was uns sehr wichtig ist.


POPCONNECTION: Was war der Grund für euch Musik zu machen? Eure Texte handeln von Gemütszuständen, dem Arbeitsleben, alltäglichen Routinen und Eskapismus. Doch was ist euch das Wichtigste und gibt es einen konsequenten Appell, der eure Texte umschließt.

Matthew: Die Themen auf unseren Alben sind verschieden. Nicht alle Songs thematisieren den Eskapismus von der Arbeit, Bier, Frauen oder Pubabende. Aber schon einige. Viele Leute interpretieren, dass dies die Dinge sind, die eine Band ausmachen. Und teilweise ist das ja auch so. Uns ist es einfach wichtig, Songs zu schreiben, die direkt sind und nicht so abgehoben und übermäßig poetisch. Auch wenn wir einmal nicht über unser alltägliches Leben singen, sondern über Imaginäres, haben wir dennoch eine Absicht darin, die Dinge auf den Punkt zu bringen. Ich würde sagen, dass unser konsequenter Appell genau darin liegt.


POPCONNECTION: Lasst uns über Klamotten reden. Ihr alle habt euch in einer Boutique kennen gelernt, in der ihr gemeinsam gearbeitet habt. Stimmt das?

Jamie: Ja das stimmt, wir haben gemeinsam in einem Klamottenladen gearbeitet.

Matthew: ...und sehr viel Zeit damit verbracht, gemeinsam Klamotten aufzuhängen. (beide lachen laut)


POPCONNECTION: Und dann habt ihr festgestellt, dass ihr nicht nur den gleichen Kleidungsstil, sondern auch denselben Musikgeschmack teilt?

Matthew: Yeah! Es waren genau genommen nur Jamie und ich, die zusammen gearbeitet haben. Wir hatten nicht exakt den gleichen Musikgeschmack, aber wir beide wollten in einer Band sein. Wir haben verschiedene Sachen gemacht bis zu diesem Punkt. Doch es hatte sich alles zu einer wirklich guten Möglichkeit entwickelt gemeinsam eine Band zu gründen.


POPCONNECTION: Also habt ihr beide zuvor in anderen Bands gespielt?

Matthew: Genau! Aber nichts wirklich Ernstes.


POPCONNECTION: War denn die Art der Musik, die ihr damals gemacht habt ähnlich und wie ist letztlich eure eigene Musik entstanden?

Jamie: Weißt du was, das ist wirklich verrückt und nicht einfach zu erklären. Wir haben in diesem Shop gearbeitet und uns ständig über Musik unterhalten. Matt wusste, dass ich ein bisschen Bass spiele und ich wusste, dass er Gitarre spielt. Wir waren richtige Freunde, die abends nach der Arbeit gemeinsam in den Pub zum Bier trinken gegangen sind. Mann, das ist jetzt schon sechs Jahre her, wie die Zeit vergeht. Ja die Musik, die wir beide gemacht haben war schon anders, aber das erste Mal, als wir uns sagten, wir müssen eine Band gründen, da sprang der Funke über und es funktionierte musikalisch genauso gut, wie menschlich. Wir sagten uns einfach eines Abend beim Bier, hey, weißt Du was, wir sollten eine Band gründen. So fing das an.

Matthew: Wir haben da vorher gar nicht drüber nachgedacht...

Jamie: Das war schon komisch, aber wir brauchten noch einen Sänger und einen Drummer. Ja und der Bruder unserer Chefin, also der Chefin der Boutique, war Drummer, das passte ganz gut. Also hat sie ihn empfohlen.

Matthew: Ich würde eher sagen, dass er sich selbst eingeladen hat, wenn du weißt, wie ich das meine. (lacht)

Jamie: Er kam halt auch öfter mit und ging mit uns einen saufen. (lautes lachen). Alan war ebenfalls ein Freund von mir. Wir haben uns auch schon Jahre zuvor gekannt und natürlich war auch er bei unseren Trinktouren mit dabei. Also haben wir gesagt, hey, warum sollte nicht Alan unser Sänger werden, denn er war sehr gut in Karaoke. (alle lachen) Also gingen wir umsonst ins Studio und fingen an Songs zu schreiben und aufzunehmen.

Matthew: Ja wir haben schon am Anfang wirklich alles aufgenommen. Es war ein besonderer Moment, es machte klick und wir dachten, wow, genau das ist es. Du kannst so was nicht planen. Die Chemie passte einfach und das ist das Einzigartige an dieser Sache. Das soll jetzt nicht kitschig klingen. Wir waren einfach vier Leute, die ihre Instrumente spielten, das hatte nichts mit irgendwelchem technischen Know-How zu tun. Das hatten wir alle nicht.

Jamie: Dazu hatten wir auch keine Kohle.

Matthew: Ja, wir hatten zwar billige Instrumente, aber wir alle hatten denselben Drive und genau das ist wichtig. Plötzlich, als wir alle allein im Raum waren, haben wir einen gemeinsamen Song geschrieben. Wir haben nicht etwa so angefangen, dass wir gesagt haben, okay, lasst uns alle einen Joy-Division-Song spielen, oder einen Oasis-Song. Wir haben einfach gesagt, lasst uns einen Song schreiben. Am Anfang hieß es, wer seine Ideen am meisten einbringt und so wurde der erste Song sogar von Lasse, unserem Drummer geschrieben.


POPCONNECTION: Also spielt Lasse auch Gitarre?

Matthew: Nein, aber er kam mit einem riesigen Buch voller Texte. Das hat uns inspiriert. Aus diesem riesigen Buch haben wir dann einen Zwei-Minuten-Song geschrieben. Das war unser allererster Song. Er schrieb nicht nur einen Song für die Band, oder besser gesagt die Texte, aber dies war der erste. Das zeigt einfach, dass wir diesen gemeinsamen Drive hatten. Es war simpel, aber es hat funktioniert.

Jamie: Total, wir hatten daraus gelernt über die ganzen Jahre in Bands zu spielen und uns andere Bands anzuschauen. Ich glaube so was hat auch nichts mit technischen Möglichkeiten zu tun.


POPCONNECTION: Es hat eher genau mit dem Sound und besonders dem Gefühl zu tun, mit dem man einen Song spielt.

Matthew: Ganz genau das!


POPCONNECTION: Als Gitarrist finde ich besonders deine Art Gitarre zu spielen unkonventionell und individuell.

Matthew: Danke dir, genau das ist uns wichtig. Wie es Jamie gerade schon sagte, hat es nichts mit dem Technischen zu tun. Keiner von uns hatte Musikunterricht und ich finde auch, dass Musikunterricht in dieser Situation ein Hindernis sein kann. Denn es ist diese DIY "Do It Yourself" Attitüde. Es ist einfach dein individueller synkretischer Stil, egal ob es technisch unglaublich ist, oder nicht. Die Kombination von Jamies polternden Bassspiels mit meinem Gitarrensound, Lasses energetischem Schlagzeugspiel und Alan's Shouting, das war's. Man kann da nicht von Gesang sprechen. Am Anfang hat Alan eher geschrieen. Es war so laut, er musste irgendwie dagegen ankommen. (lacht)

Jamie: Natürlich kannst du die besten Musiker in der Welt zusammen in einen Raum einschließen...und normalerweise würde es besser klingen...aber dann gibt es auch so welche, wie die Sex Pistols, die überhaupt gar nicht spielen konnten, und dennoch geile Musik gemacht haben, die zum Teil nur aus zwei Akkorden besteht. Das alles hat mit der Energie zu tun, mit der man musiziert.


POPCONNECTION: Wenn ihr Songs schreibt, entstehen diese im Jam oder kommt jemand von euch mit einer fertigen Idee in den Proberaum?

Jamie: Einige Songs sind wirklich im Jam entstanden, aber die meisten sind von Alan und Matthew geschrieben.

Matthew: Weißt du, nicht viele unserer Songs funktionieren akustisch. Ich sag das mal so, das Wichtigste ist, dass ein Song eine gute und starke Melodie hat und einen guten Text. Es geht schließlich um Popmusik und nicht um Avantgarde. Aber manchmal kann ich auch einen auf der Akustikgitarre geschriebenen Song in die Rakes einbringen und es passt einfach nicht. Doch dann verändert sich dieser Song im Zusammenspiel und heraus kommt der Rakes-Sound. So ist das halt, denn du kannst mit dem gleichen Song zu irgendeiner anderen Band gehen und es würde total anders klingen. Ich würde sagen, dass nur so ein charakteristischer Sound entstehen kann. Insofern ist auch der Jam immer wichtig.


POPCONNECTION: Aber was kommt zuerst, die Musik oder der Text?

Matthew: Das kommt darauf an. Für "The World Was A Mess..." haben wir zunächst nur die Musik geschrieben, bis Alan schließlich mit dem Text ankam. Ganz anders war es bei "22 Grand Job", der primär auf einer Textidee von Alan basiert.

Jamie: Alan kam eines Tages in den Proberaum und brachte diese Textphrase ein. Dann haben wir angefangen darum einen Song zu basteln.


Popconnection: Lasst uns nun über euer neues Album sprechen. Es hat den deutschen Namen "Klang", es ist in Berlin aufgenommen worden und die erste Single ist nach dem geschichtsträchtigen Jahr 1989, dem Jahr des Berliner Mauerfalls, benannt. Das alles schreit nach einem Konzept. Habt ihr ein Konzeptalbum geschrieben?

Matthew: Nein, darüber haben wir noch nie nachgedacht. Aber natürlich hat das ganze Album viel mit Berlin zu tun. So auch besonders "1989". Der Song ist über die Stadt Berlin. Aber er ist auch wieder mal über das Nacht- und Publeben. Primär ist es ein Partysong, der sich in Berlin abspielt. Es geht also zum einen um die Stadt und ihre Historie und zum anderen um das Partyleben in dieser Stadt. Insofern ist es nicht die Geschichte Berlins in zwei Minuten. Das wäre auch vermessen.


POPCONNECTION: Aber warum seid ihr nach Berlin gegangen. Hat euch London nicht mehr inspirieren können?

Jamie: Berlin erinnert uns stark an das Londoner Viertel aus dem wir kommen. Wir alle kommen aus einem alten Teil Londons, einer sehr armen Gegend. Aber dort ging eine Menge ab, besonders musiksalisch. Nur leider jetzt nicht mehr. Es ist alles sehr bürgerlich geworden. Und wie ich anfangs schon sagte, es ist verrückt, die ganzen Bands in London denken, "Ambition is a Chartposition". Denen ist die Chartplatzierung wichtiger als ein kreatives musikalisches Kunstwerk. Diese Einstellung teilen wir nicht. Deshalb mussten wir mal raus.

Matthew: Wenn du raus gehst, klingt dein Album gleich ganz anders. Es ist gut mal raus zu kommen. Wir haben uns nur auf die Sache konzentriert und eng zusammengearbeitet. Hey, wir haben alle in einer Jugendherberge in Berlin gearbeitet und sind jeden Tag mit der Tram ins Studio gefahren. Wir haben so das Album in einer sehr kurzen Zeitspanne von zwei Wochen aufgenommen und das war definitiv besser als in London über vier Monate in verschiedenen Studios zu produzieren. Es hatte diese Dringlichkeit, die wir auffangen wollten. Den Rakes geht es um Energie und so konnten wir genau diese Energie auf Platte ausleben. Ich glaube auf diesem neuen Album haben wir es am besten geschafft, diese direkte Energie zu transportieren. Du kannst die Rakes auf diesem Album performen hören!

Jamie: Jeder Song auf diesem Album wurde zwar vorerst in London oder auf Tour geschrieben und auf Konzerten angetestet. Wir haben 30 Songs angetestet und auch viele live ausprobiert. In Berlin haben wir dann sehr schnell selektiert. Wir haben dann alle Songs bei einer kleinen Show in Berlin vorgestellt, um herauszufinden, wie die Songs live klingen. Die Energie dieser Songs wurde durch die Aufnahme in einem neuen Umfeld beschleunigt. Auf dem neuen Album sind die Rakes wirklich in ihrem Element. Die Aufnahmen waren eine tolle Erfahrung und die neue Umgebung hat uns sehr stark inspiriert. Es war gut mal raus zu kommen. Du kannst Berlin auf dem Album hören.


POPCONNECTION: Das stimmt, ich finde euer neues Album ist das raueste und stürmischste Album von euch. Das passt zu Berlin. Ist Berlin eigentlich eure deutsche Lieblingsstadt?

Jamie: Naja, wir alle haben viel mit Berlin zu tun. Alan hatte eine Freundin in Berlin als er 17 war. Also hing er da viel ab und wir gingen öfter mit.

Matthew: Meine Freundin ist aus Hamburg und ihr Bruder kommt aus Berlin. So blieb die Verbindung zu dieser Stadt stets bestehen.

Jamie: Wir haben da sogar mehrmals aufgelegt.


POPCONNECTION: Also kennt ihr euch auch bestens in der deutschen Musikszene aus?

Jamie: Yeah! Die ist auf jeden Fall sehr spannend.


POPCONNECTION: Habt ihr eine deutsche Lieblingsband?

Jamie: Ganz klar Kraftwerk.

Matthew: Und die Hamburger Digitalism, die sind sehr geil!


POPCONNECTION: Was denkt ihr, ist der größte Unterschied zwischen der englischen und der deutschen Musikszene?

Jamie: Ich denke, ich habe die Frage beantwortet, als ich dir von der Londoner Szene erzählte. Die Leute in England denken, eine Platzierung in den Charts ist das wichtigste. Darunter leidet die Kreativität. Und ich finde besonders in Berlin ist das anders. Hier spielen um 5 Uhr nachts Bands in Kneipen. Wir gingen so häufig abends in Berlin aus und haben eine Menge genialer Bands gehört. Wir waren auf einer Warehouse-Party, da ging in einem Raum der Techno ab, während in einem anderen Raum eine Skiffle-Band spielte. Das hat mich an London vor ein paar Jahren erinnert. Die Leute laufen hier einfach mit der Klampfe und einem halben Schlagzeug durch die Stadtteile. Das ist kreativ.


POPCONNECTION: Danke euch für das nette Interview und die ausführlichen Antworten. Ich freue mich sehr auf euer Konzert.

Jamie: Wir danken dir. Das waren wirklich sehr gute Fragen.

Matthew: Ja Mann, nicht so beschissene Fragen wie: "Was ist Deine Lieblingsfarbe?"


POPCONNECTION: Also meine ist blau.

Matthew: Hey, meine auch! (alle lachen)


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