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POPCONNECTION - Konzerte - BootBooHook 2010 - 20. - 21. August 2010, Faust, Hannover
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KONZERTE
BootBooHook 2010

BOOTBOOHOOK 2010

20. - 21. August 2010, Faust, Hannover
Autor: Andreas Kussinger
Foto: Pressefoto

Sonnenschein, gute Musik und entspannte Atmosphäre. Auf dem Bootboohook, das am vergangenen Wochenende in Hannover über die Bühne ging, zeigte sich der Festival-Sommer noch einmal von seiner besten Seite. So war's bei der dritten Auflage des Festivals mitten in Hannover:


Freitag

Hannover liegt verdammt weit im Norden dieser Republik. Diese nicht unbedingt überraschende Erkenntnis förderte die Anreise am vergangenen Freitag zutage. Und: Auch Ferienzeit schützt vor Stau nicht. Und so rollen wir also auf der Autobahn nähe Leipzig rum, während The Horror The Horror schon auf der Bühne stehen, verpassen The Wedding Present, weil in der Nähe von Magdeburg eine Baustelle die Weiterfahrt verzögert, kaufen bei Helmstedt frustriert das erste Autobahnraststättenbier und pfeifen traurig "On And On", während Friska Viljor sicher gerade in jenem Moment eben dieses Lied zum Besten geben. Ankunft 21:30 Uhr, wir hören gerade noch, wie in der Anmoderation vom "letzten Act des Tage"“ die Rede ist (zum Glück ist nur diese eine Bühne gemeint) und dann kommen auch schon Markus Acher und Co. auf die Bühne.
Es wäre naheliegend, jetzt wieder all das "Geschwafe"“ (Zitat: Carsten Friedrichs, Superpunk) über The Notwist aus dem Festwertspeicher der Musikjournaille hervorzuholen und von Computern, Gitarren, neuen Wegen, kleinen Dörfern, gesprengten Grenzen und natürlich von Radiohead zu erzählen. Stattdessen einfach nur großes Lob für einen tollen Gig trotz widriger Umstände. The Notwist sind einfach keine Festivalband. Zu viele Menschen, die mal vorbeikommen, gucken, Bier holen, quatschen (besonders oft gehört: "Kennst Du die?" "Nee, aber ich hab gehört die sollen ganz gut sein"). Die Band gibt sich redlich Mühe (indem sie einfach so gut wie immer ist), doch der Funke kann einfach nicht überspringen, wenn 50% der Zuhörer nur halbinteressiert rumstehen. Trotzdem klasse, mal wieder live mitzuerleben, wie sich zum Beispiel das wunderbare "Pilots" erst langsam entwickelt und zum perfekten Popsong mutiert, dann wieder ins experimentelle abtaucht ehe es in einem furiosen Finale endet. Nur ein Beispiel von vielen.

Dann ist es 23 Uhr und wie auf einem Festival mitten in der Innenstadt nicht anders zu erwarten bedeutet das die Verlagerung des Geschehens nach innen, konkret in die sogenannte 60er Jahre Halle und das Mephisto, einem kleinen Club auf dem Gelände des Faust-Kulturzentrums. Herpes lassen in der 60er Jahre Halle ein bisschen Ratinger Hof-Feeling aufkommen. Wer die Berliner schon im Frühjahr als Vorgruppe der Fehlfarben gesehen hat, kennt die energiegeladene, schweißtreibende Live-Performance der Kunsthochschul-Punks. Der konsequente End-70er/Anfang-80er Sound, eine gesunde Anti-Haltung gegenüber allem und jedem, intelligente Texte und eine halsbrecherische Bühnenshow drängen das ungute Gefühl, dass das ja doch alles nur Fassade ist, in den Hintergrund. Wobei: Einer Band, die sich den selbstmörderischen Namen Herpes verpasst, kann man nun wirklich kein Profitstreben vorwerfen. Also doch alles authentisch, real und uneingeschränkt empfehlenswert.

Weiter geht es mit einer Band, die das Wörtchen Punk zwar im Namen und vielleicht im Herzen, aber nicht auf den Gitarrensaiten trägt. Die wunderbaren, unbeschreiblichen, phantastischen Superpunk! Carsten Friedrichs schafft es wie kein zweiter, in seinen Texten dem "kleinen Mann" ein Denkmal zu bauen. Ohne Metaebene und Wahrheiten zwischen den Zeilen, sondern einfach gerade heraus und ehrlich. Er will heute nicht kämpfen, sondern nur neue Zähne für sich und seinen Bruder. Schließlich kann man einen ehrlichen Mann nicht auf seine Knie zwingen. Und ein kleines bisschen Seele jetzt, das wäre schön. Seele, beziehnungsweise Soul, um wieder zur Musik zurückzukehren, haben Superpunk auch. Der Gitarren- und Orgelmix klingt frisch wie immer, die Stimmung in der voll besetzen Halle ist prächtig, es wird in die Hände geklatscht und mit den Füßen gewippt.

Für ein weiteres Highlight des diesjährigen Bootboohook sorgte Carsten Friedrich im Übrigen schon vor Beginn des Festivals, da er die Texte im Booklet verfasste und dabei jeder Band eine so prächtige Charakteristik auf den Leib schneiderte, dass diese hoffentlich schon bald auf den jeweiligen Homepages als Referenz auftauchen.

Zum Abschluss des Tages noch ein kleiner Abstecher zu Wisecracker, die ihr Heimspiel in Hannover sichtlich genießen und nochmal für ausgelassene Stimmung in der 60er Jahre Halle sorgen.


Samstag

Der zweite und abschließende Tag beginnt für uns mit "der besten Band unserer Tage", wie ein Dieter-Thomas Heck-Verschnitt in seiner Anmoderation etwas überambitioniert verkündet. Mit einiger Verspätung und trotz technischer Probleme, die den gesamten Auftritt über bestehen bleiben und von Spilker weggewitzelt werden müssen, beginnen Die Sterne zu spielen. Die Unzufriedenheit darüber ist dennoch zu spüren, und spätestens als der Band zu Ohren kommt, dass die anfängliche Verzögerung am Ende des Sets gnadenlos weggeknapst wird, kann Spilker sich ein "so eine Scheiße" nicht mehr verkneifen. Viele Songs des tollen neuen Albums, "Trrrmmer" und ein am Ende eiligst eingeschobenes "Universal Tellerwäscher" bekommen die Hannoveraner noch zu hören, ehe sie etwas ratlos und enttäuscht zurückgelassen werden. Schade, vor allem wenn man weiß, wie gut Die Sterne ihr Publikum an einem normalen Tag unterhalten.
Endlich einmal Zeit, das charmante Gelände des Kulturzentrums bei Tageslicht zu erkunden. Ein schöner Biergarten, eine ehemalige Bettfedernfabrik als industrielle Kulisse, das Ganze mitten in der Stadt an einem Fluss, ein wirklich schönes Plätzchen für gute Musik.

Auf der großen Bühne geht es weiter mit The Go! Team, die einen mustergültigen Festivalauftritt abliefern. Vielleicht der Gegenentwurf zu The Notwist am Vortag. Eine rappende Rampensau als Frontfrau und ausgelassener Crossover-Pop als Konsens-Unterhaltung am Samstagnachmittag. Eine interessante Mischung aus den Sounds und Santigold, wenig originell, aber ansteckend und begeisternd. Die Stimmung ist entsprechend ausgelassen.

Endlich geht die Sonne unter und überlässt das Feld den Strahlemännern des Synthie-Pop und unbestrittenen Headlinern des Bootboohook 2010 – Hot Chip. Die Erwartungen im Vorfeld waren riesig, die Show wird noch größer. Das Feuerwerk, das die Briten in eineinhalb Stunden abbrennen, ist an Perfektion kaum zu überbieten. Zwei Shows im Deutschland im Jahr 2010, eine davon in Hannover, man kann den Veranstaltern zu diesem Coup nur gratulieren. Vom ersten Ton weg ziehen Alexis Taylor und Co. das Publikum in ihren Bann und reproduzieren ihre Hits mit einer beeindruckenden Selbstverständlichkeit. Sie präsentieren aber nicht einfach Ware von der Stange, sondern weichen immer wieder vom bekannten Songmuster ab, bauen Passagen um oder fügen neue ein. Das Set lebt naheliegenderweise vor allem von den Songs des neuen Albums "One Life Stand", das ungleich poppiger und damit auch Festivalkompatibler ausgefallen ist als die beiden Vorgängeralben. Seinen Höhepunkt erreicht die Show aber bei "Over And Over", bei dem auch im Publikum endgültig alle Dämme brechen. Wenn sie es nicht selbst erwähnt hätten, wäre wohl kaum einem aufgefallen, dass Hot Chip das ganze Set in Notbesetzung absolviert haben. Joe Goddard weilt nämlich zuhause bei Frau und Neugeborenem und ist nur kurz in Form eines Videoschnipsels zu sehen. Ein großartiger Headliner, der alle Erwartungen erfüllt oder gar noch übertroffen hat.

Puh, was soll danach noch kommen? Eigentlich würden Bratze und Egotronic dazu einladen, noch einmal der 60er Jahre Halle einen Besuch abzustatten. Aber leider müssen auch wir angesichts der langen Schlange vor der Halle kapitulieren. Kein 'Bass Bass Bass' mehr für uns. Das größte Problem des sonst so tollen Bootboohook-Festivals: Wenn die Headliner-Show vorüber ist und sich mehrere tausend Menschen anschließend dem weiteren Programm in zwei 800 und 300 Menschen fassenden Hallen widmen wollen, kann diese Rechnung nicht aufgehen. Die Folge sind lange Schlangen und viel Frust unter den Besuchern, die sich, vielleicht nicht zu Unrecht, ein bisschen um ihr Geld betrogen fühlen.

Davon abgesehen aber ein wunderbares Festival-Wochenende, das wir dann wieder zusammen mit Carsten Friedrichs ausklingen lassen, der im Biergarten noch ein tolles (Northern-)Soul DJ-Set abliefert.


Website:
www.bootboohook.com

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