POPCONNECTION
NEWS
REVIEWS INTERVIEWS KONZERTE FEATURES KÜNSTLER A-Z
POPCONNECTION - Konzerte - I Like Trains - 18. Januar 2011, Gleis 22, Münster
Home » Konzerte » I Like Trains - 18. Januar 2011, Gleis 22, Münster
KONZERTE
I Like Trains - 18.01.2011, Gleis 22, Muenster

I LIKE TRAINS

18. Januar 2011, Gleis 22, Münster
Autor: Katja Embacher
Foto: Jenny Schnabel

Über Musik schreiben zu dürfen ist Fluch wie Segen zugleich. Auf der einen Seite ist man in der glücklichen Lage, das zu leben, was einem am meisten bedeutet, auf der anderen Seite schleicht sich auf den unzähligen Konzerten, die man im Laufe der Zeit erlebt, unweigerlich Routine ein. So ertappt man sich gelegentlich dabei, wie man sich auf die Qualität des Sounds fokussiert, auf die Reaktionen des Publikums oder die Komposition der Setlisten, anstatt sich schlichtweg von der Magie des Moments mitreißen zu lassen. Dann stellt man sich die Frage, was einen magischen Moment ausmacht. Ist es die stumme Interaktion zwischen Band und Publikum, die greifbar ist, wenn anstelle der Worte Harmonien zum Einsatz kommen? Ist es der Punkt, an dem sich die Härchen auf den Armen zu einer Gänsehaut aufstellen und man sich für Minuten in einem Song verliert? Oder sind es die Augenblicke, in denen die Anwesenden gemeinsam einen Chorus mitsingen und dabei lauter erscheinen, als alle Donnerschläge und Drum Kits der Welt? Um es kurz zu halten: Es ist ein bisschen von allem. Die Summe der einzelnen Teile und ihre Symbiose. Der Moment, in dem die Kritikerin im Kopf der Schreibenden verstummt und sie (wieder) zu dem wird, was sie ist und immer bleiben wird: Fan und Liebhaberin der größten Sache der Welt.

I Like Trains, die sich am heutigen Abend im Münsteraner Gleis 22 die Ehre geben, bescheren mir nicht nur einen, sondern gleich mehrere solcher Momente. Die Herren in den Bahnbeamtenanzügen beginnen ihr Set um kurz nach zehn - und vereinnahmen den Club in der Hafenstraße von der ersten Sekunde an. Bereits beim Opener "Sirens" ihres aktuellen Albums "He Who Saw The Deep" wird klar, wie gut die britischen Zugliebhaber an diesen Ort passen. Man bekundet Sympathie und Freude, erneut hier spielen zu dürfen. In kurzen Worten, die jedoch weit genug reichen, um die Herzen des Publikums zu umarmen. Für ein Schmunzeln sorgt die Erklärung von Sänger Dave Martin, dass sein zwischenzeitliches Augenwischen Schweißperlen geschuldet und kein Zeichen von Traurigkeit sei. Obwohl ihm das bei den traurig schönen Songs wohl niemand übel genommen hätte. Die Grundtendenz des von neuen Tracks geprägten Sets ist ruhig bis andächtig. Bis auf wenige Ausbrüche innerhalb Songs wie "We Saw The Deep" oder "When We Were Kings", bei denen das Quartett aus Leeds in dreifaltigen Gitarrengewittern seinen Instrumenten alles abverlangt und bei denen sich der zur Unterstützung herangezogene Livemitstreiter Jig mehr als bezahlt macht. I Like Trains lassen sich Zeit, um Spannungsbögen zu generieren. Die Konzeption der Songs ist prädestiniert dafür, durch großzügig ausgespielte Instrumentalpassagen eine greifbar dichte Atmosphäre aufzubauen.

Irgendwann inmitten des Sets gelingt I Like Trains das, was nicht jedem Künstler glückt: Sie packen mich, greifen mich am Schlawittchen und bohren sich so lange in meine Magengrube, bis sie plötzlich da ist: Die Magie. Es sind die Momente, in denen sich bei "Terra Nova" die Gitarren aufschaukeln und zu einem Meer aus Sound werden, innerhalb dessen ich kontinuierlich zwischen der Option zu schwimmen und zu ertrinken schwanke. Die Sekundenbruchteile, innerhalb derer ich bei "A Divorce Before Marriage" den Kampf verliere (oder freiwillig aufgebe) und mich bedingungslos in den Wogen treiben lasse. Die Augenblicke, in denen meine innere Stimme bei "Sea Of Regrets" der Band "I hate to say I told you so" entgegen schreit, weil ich nicht wage, lauthals mitzusingen, um den Zauber nicht zu zerstören - und zeitgleich das Gefühl habe, dass es den Menschen um mich herum genauso geht, wenn ich in ihre verzückten Gesichter sehe. Der magische Moment des wortlosen Verstehens. An diesem Abend, an dem I Like Trains im Gleis 22 ihren Longplayer "He Who Saw The Deep" vorstellen, ist es das Münsteraner Publikum, das in die Tiefe starrt.

Nach einer guten Stunde fällt das Auftauchen beinah schwer. Was bleibt, ist das flirrende Feedback am Boden liegender Gitarren, das noch lange nachhallt, als I Like Trains die Bühne bereits verlassen haben. Seltsam, wie einfach es manchmal ist, über das zu schreiben, was man liebt. Seltsam, wie schwer es dann wird, die allseits gepriesene Sachlichkeit zu wahren. Nach diesem grandiosen Abend ist es der Fan, der das Gleis 22 verlässt, während die Kritikerin dort zurückbleibt. Zumindest bis zum nächsten Konzert. Es gibt nur wenige Bands, die es wert sind, Pathos Vorzug vor Räson zu geben. I Like Trains ist eine davon.
 


Mehr zu I Like Trains auf POPCONNECTION

SUCHE
A B C D E F G
H I J K L M N
O P Q R S T U
V W X Y Z 0-9 #
AKTUELLE KONZERTE

we_path

William McCarthy
07. April 2017, Molotow, Hamburg

we_path

Augustines
30. September 2016, FZW, Dortmund

we_path

Suede
05. Februar 2016, CCH2, Hamburg

we_path

THE THURSTON MOORE BAND
21. November 2015, Gleis 22, Münster

we_path

NEW ORDER
11. November 2015, Tempodrom, Berlin

we_path

RIDE
26. Mai 2015, Paradiso, Amsterdam
ZUFÄLLIG SCHON GELESEN?

we_path

ZOOT WOMAN
27. September 2009, Backstage, München

we_path

MOTHER TONGUE
25. August 2010, Forum, Bielefeld

we_path

HALDERN POP FESTIVAL 2011
11. August - 13. August 2011, Rees-Haldern
myspace_de twitter_de facebook
INTERN EXTERN
Kontakt Facebook
Impressum last.fm
   © 2017 Popconnection.de | Das Online-Magazin für alternative Popmusik | CMS by webEdition