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POPCONNECTION - Konzerte - 14. März 2013, Jovel Music Hall, Münster
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Tocotronic - 14.03.2013, Jovel Music Hall, Muenster

TOCOTRONIC

14. Mrz 2013, Jovel Music Hall, Mnster
Autor: Katja Embacher
Foto: Jenny Schnabel

"Jovel" ist eine Bezeichnung aus der Masematte, ein Soziolekt, der ursprnglich in einigen Vierteln Mnsters von sozialen Unterschichten gesprochen wurde. Jovel bedeutet gut. Perse sollte man also meinen, dass ein Abend, an dem Tocotronic im Mnsteraner Jovel Music Hall spielen, unter einem guten Stern steht. Dennoch begleitet mich ein leiser Hauch von Skepsis, als ich mich auf den Weg zum Ort des Geschehens begebe. Nur allzu prsent sind die Erinnerungen an lngst vergangene Zeiten, in denen die Hamburger (nun teils Berliner) sich noch in kleinen schrammeligen Clubs weigerten, Teil einer Jugendbewegung zu sein und mir damit aus der Seele sangen. Prsent sind auch noch die Eindrcke des Konzerts vor drei Jahren, als ich sie nach langer Zeit mit der Berlin-Trilogie wiedersah und (musikalisch) kaum mehr noch erkannte. Der Abend endete in der ernchternden Erkenntnis, dass der Wandel die einzig wahre Form der Kontinuitt ist. Bands entwickeln sich weiter, Sounds verndern sich, man selbst entwickelt neue Denkweisen und verndert die Form musikalischer Rezeption. Die Zeit lsst sich nun mal nicht aufhalten.

Dies fllt mir auch auf, als ich das Jovel betrete. Vorbei an einer auf Aprs-Ski-getrimmten Bierhtte geht es in Richtung Bhne, der eine Hochglanztanzflche zu Fen liegt. Das typische Chichi einer Groraumdiskothek, die mit dem Charme einer Indie-Location ungefhr so viel gemein hat, wie der geschniegelte Bachelor des Privatfernsehens mit Shrek. Das alles wre ertrglich, fnde ich wenigstens unter den Anwesenden Gleichgesinnte. Doch das Gros des Publikums passt nun mal in dieses Tanztheater. Im Gegensatz zu mir – und wohl auch im Gegensatz zu Tocotronic. Als diese nach einem wundersamen Intro aus verzerrten Chorstimmen und Strgeruschen die Bhne erklimmen, schaut die eine Hlfte des Publikums paralysiert durch den Raum, whrend die andere lieber miteinander plaudert anstatt zu applaudieren. Das Quartett prsentiert sich dennoch gut gelaunt. Man begrt die Anwesenden und erffnet den Abend mit "Im Keller", dem Opener des neuen Albums "Wie wir leben wollen". In unterirdische Gefilde begibt sich auch mein Gehr, das sich fr den Rest des Abends durch einen tiefenlosen Soundbrei kmpft, der an billige Laptop-Boxen erinnert.

Generell liegt der Fokus des Sets auf der Vorstellung des neuen Longplayers. An die Wand gebeamte Bildkollagen visualisieren Songs wie "Vulgre Verse", "Warte auf mich auf dem Grund des Swimmingpools", "Ich will fr dich nchtern bleiben" oder "Die Revolte ist in mir", whrend sich die Herren von Lowtzow, Mller, McPhail und Zank energiegeladen ihren Instrumenten widmen. Obgleich "Wie wir leben wollen" aus der Konserve anders klingt als seine Vorgnger, fgen sich die Stcke live nahtlos in das Set ein. Mehr noch: Es gelingt der Band, mich an dieser Stelle abzuholen, mitzunehmen und zu berzeugen. Mit Tracks wie "This Boy is Tocotronic", "Alles wird in Flammen stehen" oder "Sag alles ab" finden sich auch die groen Highlights der letzten 20 Jahre tocotronischer Zeitrechnung auf der Setliste wieder. Generell lsst sich feststellen: Je lter die Songs, desto grer die Resonanz. Vielleicht haben sich die Anwesenden noch nicht tief genug in "Wie wir leben wollen" eingehrt, vielleicht fehlen zu den Stcken auch einfach noch die Verbindungen, die man im Laufe der Jahre zu Songs wie "Meine Freundin und ihr Freund" oder "Drben auf dem Hgel" entwickelt hat. Immerhin taut das ansonsten eher verhaltene Publikum bei diesen Perlen auf. Zu den groen Momenten des Abends gehren zweifelsohne "Jackpot" und das im ersten Zugabenblock zelebrierte "Freiburg".

Das Beste kommt, wie so oft, zum Schluss. Tocotronic verabschieden sich im zweiten Zugabenlauf mit "17" von den Mnsteranern. Die Freude ber den epischen Ausklang wird von dem emsigen Treiben der Security getrbt, die mit kleinen Taschenlmpchen die Reihen vor der Bhne nach illegalen Rauchern absucht. Ich verfluche in diesem Moment das Nichtraucherschutzgesetz nebst der akribischen Grndlichkeit, mit der fr die Einhaltung dessen gesorgt wird. Das Resmee des Abends besteht aus der masemattischen Erkenntnis: Tocotronic jovel, der Sound schofel (mies). Das Publikum: Jenseits von beidem. So sei es mir verziehen, dass mich trotz meiner Liebe zu dieser Stadt beim Verlassen der Location der Gedanke "Aber hier leben, nein danke" zur Tr hinaus geleitet.


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