POPCONNECTION
DATENSCHUTZERKLÄRUNG   IMPRESSUM
NEWS
REVIEWS INTERVIEWS KONZERTE FEATURES KÜNSTLER A-Z
POPCONNECTION - Im Interview - Patrick Wolf: "Mir gefällt die Herausforderung optischer und sexueller Identität"
Home » Interviews » Patrick Wolf: "Mir gefällt die Herausforderung optischer und sexueller Identität"
INTERVIEWS
Patrick Wolf

PATRICK WOLF

"Mir gefällt die Herausforderung optischer und sexueller Identität"
Datum: 29. September 2009 (Münster)
Interview: Jenny Schnabel
Foto: Pressefoto

Patrick Wolf stellt zweifelsohne eine der schillerndsten Persönlichkeiten der gegenwärtigen Popwelt dar. Mit seinen extravaganten Bühnenoutfits der englischen Modedesignerin Ada Zanditon und seiner musikalischen Mischung aus Folk- und Elektro-Elementen kreiert der 25jährige Brite ein faszinierendes Kunstwerk.Vor seinem Auftritt im Gleis 22 in Münster trafen wir den jungen Ausnahme-Musiker, der mit "The Bachelor" gerade sein viertes Album veröffentlicht, zum Interview.



POPCONNECTION: Ursprünglich hattest du geplant, deine neue Platte als Doppelalbum zu veröffentlichen, das "The Battle" heißen sollte. Nun hast du dich dazu entschlossen, zwei Lonplayer daraus zu machen - "The Bachelor" und "The Conqueror".

Patrick Wolf: Vom Konzept her ist es immer noch ein Doppelalbum. Allerdings werden die beiden Teile zu unterschiedlichen Zeitpunkten veröffentlicht. "The Bachelor" ist bereits released, "The Conqueror" wird nächstes Jahr erscheinen. Es ist also quasi ein Doppelalbum mit einer Zeitspanne von einem Jahr zwischen den beiden Teilen. Beide Platten basieren auf derselben akustischen Schablone, auf beiden wirken dieselben Musiker mit. Allerdings ist es ein Experiment, um herauszufinden, ob man mit identischen Instrumenten und Musikern eine komplett andere Platte machen kann.


POPCONNECTION: Welcher Zusammenhang besteht zwischen "The Bachelor" und "The Conqueror"?

Patrick Wolf: Das erste Album beschreibt die Krankheit oder das Gefühl von Einsamkeit, von unerfüllter Liebe. Es spielt mit dem Gedanken, jemand zu sein, der grundsätzlich die verkehrten Menschen trifft. Einer Person, die sich verschließt, sich in die Arbeit stürzt und sich denkt "Vielleicht treffe ich irgendwann die große Liebe - aber ich glaube nicht wirklich, dass es mir jemals passieren wird." Meiner Meinung nach ist das eine sehr ursprüngliche menschliche Empfindung - auch, wenn es in der Popmusik nicht so häufig thematisiert wird. Meistens singt man darüber, wie großartig die Liebe ist und wie verliebt man ist, aber nur wenige veröffentlichen ein Album, das sich mit dem Fehlen von Liebe befasst. All das ist ein Kampf, der sich im zweiten Album fortsetzt. Die Idee hinter "The Conqueror" ist der Prozess des Eroberns und des Lernens. Erobern ist etwas, das man als Junggeselle lernt. Genauso, wie man lernt, jemanden zu umwerben und sinnlich zu sein.


POPCONNECTION: Ich habe gelesen, dass du ursprünglich ein politisches Album machen wolltest..."

Patrick Wolf: Ja, viele Leute fragen mich, was aus dieser Idee geworden ist. Wenn man sich die Texte durchliest und sich mit ihnen beschäftigt, dann findet man immer noch eine Menge Aspekte gesellschaftlicher und menschlicher Politik. Es sind weniger regierungspolitische Themen, weil es mir stärker um individualpolitische Gesichtspunkte geht, wie z.B. Gleichberechtigung und Menschenrechte.


POPCONNECTION: In dem Song "The Battle" rufst du auch dazu auf, für die eigenen Rechte zu kämpfen, für die eigene Identität. Es gibt dort eine Zeile in dem Song, die heißt: "Since I was twelve it's been me versus the world, I got so sick of being told my identity was in minority". Fühlst du dich manchmal wie ein Außenseiter in der Gesellschaft?

Patrick Wolf: Nein, ich fühle mich sicherlich nicht wie ein Außenseiter. Ich bin mir allerdings der Tatsache bewusst, dass mich manche Menschen so sehen. Wenn man sich selbst in die Schublade des Außenseiters packt, dann ist man ziemlich arrogant, weil man sagt "Hey, ich bin anders als du". Es gibt nur wenige Dinge, in denen man sich grundlegend von anderen unterscheidet. Ich habe sicherlich spezielle Eigenschaften und ich habe einen bestimmten Stil, aber ich halte mich nicht für anders als den Rest der Menschheit. Aber mir fällt auf, dass die Menschen oftmals dazu tendieren, einige Leute zu marginalisieren und sie als Außenseiter darzustellen, die nicht dazu gehören. Also ist es für mich eine Herausforderung, zu sagen "Ich gehöre dazu! Ich gehöre genauso auf diese Erde, wie der Rest von euch und verdiene dieselben Rechte!"


POPCONNECTION: Dein Sound ist eine Mischung aus Elektro- und Folkelementen. Meiner Meinung nach sind das ziemliche Gegensätze: Folk klingt sehr warm, während sich Elektro meistens eher synthetisch und kalt anhört...

Patrick Wolf: Für mich ist es eher eine Mischung aus akustischem und elektronischem Sound. Es finden sich sicherlich starke Folkelemente in den Texten und den Arrangements, aber der größte Teil sind meine klassischen Einflüsse: All die orchestralen Arbeiten, die ich gemacht habe und all die wundervolle klassische Musik, die ich liebe. Daher kommt wohl der akustische Teil.


POPCONNECTION: Du hast deine musikalische Karriere auch mit klassischen Instrumenten gestartet. Wie wichtig ist dieser Background heute für deine Musik?

Patrick Wolf: Sehr wichtig! Diese Einflüsse finden sich im gesamten Produktionsprozess meiner Alben wieder, vom Beginn bis zum Ende. Ich habe dadurch ein großes Vokabular und eine Menge Fähigkeiten und Methoden, die ich im Studio verwende. Wenn ich diese nicht hätte, wäre ich nicht in der Lage, diese Art von Musik zu machen. Ich war letzte Woche im Studio und habe mich detailliert mit dem Techniker über die Dynamik und den Ausdruck der einzelnen Instrumente unterhalten. Das gibt mir ein Bewusstsein von Musik, das ich mit elf Jahren z.B. noch nicht hatte. Ich hatte die Leidenschaft, aber nicht die Fähigkeiten. Ich glaube, etwas Bildung im Leben ist gut - zuviel dagegen ist schlecht. (lacht)


POPCONNECTION: Du hast in Berlin mit Alec Empire zusammengearbeitet: Wie war deine Zeit dort und wie lieft die Kooperation?

Patrick Wolf: Berlin war für mich sehr wichtig, um an der Richtung des Sounds auf dem neuen Album zu arbeiten. Nach den Demo-Aufnahmen hatten Alec und ich beschlossen, zusammen zu arbeiten. Textlich gesehen war es für mich eine perfekte Platte, um in die Richtung Industrial Noise und diesen Heavy-Metal-Electronics zu gehen. Also habe ich Alec angerufen. Er ist jemand, den ich kenne und mit dem ich schon lange zusammenarbeiten wollte. Ich flog nach Berlin und wir haben viele Nachtaufnahmen gemacht, von Mitternacht bis morgens um neun. Ich wollte mit jemandem zusammenarbeiten, der eine Seite von mir ans Licht bringen kann, die mich leicht nervös macht oder der ich mir zu wenig bewusst bin. Er hat dieses Gefühl in mir ausgelöst, das ich hatte, als ich 16 oder 17 war und in Punk-Bands gespielt habe. Das war genau das, was ich wollte: Jemanden, der diese Haltung wieder in mir wach ruft. Das ist eine Attitüde, die ich irgendwie an die Seite geschoben hatte.


POPCONNECTION: Du trägst auf der Bühne immer spezielle Outfits, die ein wenig wie Kostüme wirken. Was ist der Unterschied zwischen der Person auf der Bühne - Patrick Wolf - und deinem alltäglichen Leben?

Patrick Wolf: Optisch ist das sehr kompliziert. Es gibt Tage, an denen ich mich eher so fühle, als wollte ich einen schwarzen Anzug auf der Bühne tragen. Mehr diese saubere seriöse Attitüde, weil es einfach in diesem Moment besser passen würde. Dann wäre ich gerne bei einem Konzert, bei dem es keine Visuals gäbe. Und genauso gibt es Tage, an denen werde ich wach, die Sonne scheint und ich entscheide mich für eine Garderobe, die manchen Menschen die Schamesröte ins Gesicht treiben würde. Es ist unterschiedlich. An manchen Tagen trage ich sehr extravagante und extreme Sachen im Alltag und etwas sehr langweiliges auf der Bühne und am nächsten Tag kann es genau andersherum sein. Ich ziehe mich auf der Bühne und auch zu Hause so an, wie es mir gerade gefällt. Ich habe immer versucht, so auszusehen, wie es manche Menschen als meschugge empfinden würden und ich glaube, meine Definition von "normal" unterscheidet sich von der anderer Menschen. Jeder hat so seine eigenen Vorstellungen vom Leben - und die Menschen tendieren dazu, mit meinen nicht konform zu gehen. (lacht) Ich mag es einfach, die Leute dazu zu bringen, sich unbehaglich zu fühlen. Mir gefällt die Herausforderung optischer und sexueller Identität. Deshalb versuche ich, einen Mittelweg zwischen maskulin und feminin zu finden: Wie es ist, ein Junge zu sein oder ein Mädchen, wie es ist, konservativ zu sein und in der Art, in der ich mich kleide mit diesen verschiedenen Aspekten zu spielen. Ich trage auch Make-Up und mache mir die Haare dementsprechend. Das mache ich auch in meinen Texten und dem Sound. Die Optik ist nur eine Weiterführung des Ganzen. Die Musik steht hundertprozentig an erster Stelle - aber ich kann es einfach nicht lassen, sie auch optisch zu verkörpern. Manchmal denken die Leute, dass ich ein Outfit kreiert und dann einen Song dazu geschrieben habe, der dazu passt. Aber das wäre natürlich kompletter Blödsinn. (grinst)


POPCONNECTION: Bevor dein aktuelles Album veröffentlicht worden ist, hattest du dich dazu entschlossen eine Pause einzulegen. Über die Gründe darüber wird in der Presse viel spekuliert...

Patrick Wolf: Für mich war das sehr wichtig. Wobei - ich glaube, jeder Künstler braucht Zeit, um zu schreiben. Es kostet Kraft, zu schreiben und zu singen. Aber insbesondere Schreiben kann man nicht, wenn man ständig Interviews gibt oder von Paparazzi fotografiert wird - außer vielleicht Lady Gaga. Aber ich habe ein Leben, das ich geregelt bekommen muss und wenn man so viel Zeit auf Tour verbringt wie ich, dann kommt irgendwann einfach der Punkt, an dem man sich auf seine Familie, kochen und das Ausüben menschlicher Dinge konzentrieren muss. Ansonsten läuft man Gefahr, den menschlichen Aspekt seiner Arbeit zu verlieren und in einer völlig unrealistischen Welt zu leben. Dieses alltägliche menschliche Leben war bei meinem ersten Album meine Hauptinspirationsquelle. Wenn ich das verliere, dann verliere ich mein Gefühl für die Realität. Deshalb ist es mir so wichtig. Wenn man mal überlegt, dass ich nonstop unterwegs bin, seit ich 18 bin und dann eine einjährige Tourpause eingelegt habe, dann ist das nicht besonders viel. Ich habe mich auf mein Privatleben konzentriert und mich mit Musik beschäftigt. Während meiner Auszeit habe ich geschrieben und im Studio gearbeitet. Es war prinzipiell also nur eine Pause vom öffentlichen Leben - und das ist wichtig. Wenn Michael Jackson das mal ausprobiert hätte, wäre er vielleicht noch am Leben und hätte ein Gespür für Normalität entwickelt. (grinst) Für mich ist der Gegensatz aus Normalität und der Mondäne auch oft eine Herausforderung, aber es ist essentiell wichtig, das normale Leben nicht aus den Augen zu verlieren - genauso, wie meine Familie.


POPCONNECTION: Was erwartet uns heute Abend bei deiner Show?

Patrick Wolf: Mein Schlagzeuger hatte schlimme Rückenprobleme und musste ins Krankenhaus. Dort hat er Morphine bekommen. Es wird heute Abend also mehr Elektronik und Akustik geben, als krachiges Schlagzeug. Aber das ist auch mal ganz schön. Ansonsten… man muss sich meine Shows einfach anschauen, ich finde es schwierig, sie zu beschreiben. (lacht)


POPCONNECTION: Ich bin sehr gespannt! Vielen Dank für das Interview und viel Spaß auf der Bühne!

Patrick Wolf: Dankeschön! Wir sehen uns dann später bei der Show!


Mehr zu Patrick Wolf auf POPCONNECTION

SUCHE
A B C D E F G
H I J K L M N
O P Q R S T U
V W X Y Z 0-9 #
AKTUELLE INTERVIEWS

we_path

The Boxer Rebellion

we_path

William McCarthy

we_path

Nada Surf

we_path

Waxahatchee

we_path

JAPANDROIDS

we_path

DIAGRAMS
ZUFÄLLIG SCHON GELESEN?

we_path

THE CORAL

we_path

THE BEWITCHED HANDS ON THE TOP OF OUR HEADS

we_path

DINOSAUR JR.
INTERN EXTERN
Kontakt Facebook
Impressum
Datenschutzerklärung
   © 2019 Popconnection.de | Das Online-Magazin für alternative Popmusik | CMS by webEdition