POPCONNECTION
DATENSCHUTZERKLÄRUNG   IMPRESSUM
NEWS
REVIEWS INTERVIEWS KONZERTE FEATURES KÜNSTLER A-Z
POPCONNECTION - Im Interview - William Fitzsimmons: "Es ist Selbsttherapie"
Home » Interviews » William Fitzsimmons: "Es ist Selbsttherapie"
INTERVIEWS
William Fitzsimmons

WILLIAM FITZSIMMONS

"Es ist Selbsttherapie"
Datum: 03. Dezember 2009 (Münster)
Interview: Jenny Schnabel
Foto: Pressefoto

William Fitzsimmons wuchs in Pittsburgh/Pennsylvania als jüngstes Kind blinder Eltern auf, wodurch er schon sehr früh zur Musik gelangte. Seine musikalische Karriere begann er jedoch erst nach seinem Therapie Studium und der Arbeit als Psychotherapeut. Auf seinem neuen Album "The Sparrow And The Crow" thematisiert der Singer/Songwriter seine nach vielen Jahren zerbrochene Beziehung zu seiner Ex-Frau.

Wir haben William Fitzsimmons vor seinem Auftritt in Münster zum Interview getroffen und mit ihm über sein neues Album gesprochen.



POPCONNECTION: Dein aktuelles Album "The Sparrow And The Crow" ist bereits vor einem Jahr in den USA erschienen. Warum hat es so lange gedauert, bis es hier in Deutschland veröffentlicht wurde?

William Fitzsimmons: Das ist eine gute Frage - allerdings ist die Antwort darauf nicht besonders interessant. Es gab in den Staaten ein Label, das dieses Album unbedingt veröffentlichen wollte. Leider fehlte uns ein Partner für die Veröffentlichung in Europa. Wir wollten warten, bis wir das richtige Unternehmen gefunden hatten. Es handelt sich hierbei um eine sehr genrespezifische Art von Musik und uns gefiel der Gedanke nicht, dass es irgendwer herausbringt, der sich eigentlich gar nicht darum schert. Es ging also in erster Linie darum, die richtige Entscheidung zu treffen, mit wem wir das Album veröffentlichen werden.


POPCONNECTION: Deine Eltern sind beide blind. Das ist einer der Gründe dafür, warum du sehr früh zur Musik gekommen bist. Wie wichtig ist Musik in deinem Leben?

William Fitzsimmons: Sie ist mir sehr wichtig! Für mich ist Musik eine Form des Ausdrucks und der Sprache. Das ist sie vielleicht auch für einige andere Menschen. Es geht weniger um Spaß als um Kinetik. So habe ich das immer gesehen. Wir konnten das Haus nicht verlassen, wir hatten kein Auto. Wenn wir beide uns hier unterhalten, dann benutzen wir unsere Hände oder unsere Augen, wir kommunizieren über Körpersprache. Das funktioniert bei einer blinden Person nicht. Es ist sehr wichtig, sich dessen bewusst zu sein, dass all diese Kommunikationsformen wegfallen. Was die Musik betrifft, so sind wir jedoch alle gleich. Meine Mutter braucht ihre Augen nicht, um Klavier zu spielen. Sie spielt es einfach und nutzt dabei ihre Ohren. Wir haben natürlich miteinander gesprochen. (grinst) Aber eine emotionale Verbindung konnte nicht auf dem traditionellen Weg entstehen. So wurde die Musik unser Weg, einander nahe zu kommen. Das ist Musik für mich: Eine Möglichkeit, Dinge zu verstehen, die ich nicht begreifen kann. Eine Option, Menschen Dinge zu erzählen, die ich ihnen sagen möchte. Wichtige Dinge. Dementsprechend ist mir Musik sehr wichtig.


POPCONNECTION: Du hast als Psychotherapeut gearbeitet. Inwiefern hat dieser Job deine Musik beeinflusst?

William Fitzsimmons: Sehr stark! Die Psychologie hat mich zur Musik zurückgebracht. Ich hatte das eine zeitlang zur Seite geschoben, ich spielte zwar, aber ich war nicht wirklich dabei. Der einzige Grund, warum ich wieder anfing, Songs zu schreiben, war, diesen ganzen Mist loszuwerden. Der Prozess des Schreibens ist wirklich gut! So kannst du einen Zugang zu Teilen deines Unterbewusstseins finden, die du anders nicht erreichen würdest. Das Zusammenspiel aus Psychologie und Musik brachte mir bei, mich auszudrücken. Ganz tief im Innersten zu graben und ehrlich zu sein. Es funktionierte auch in Zusammenhang mit Patienten, mit denen ich viele Jahre lang in Krankenhäusern oder in privaten Praxen zusammengearbeitet habe. Du sitzt mit Menschen zusammen, die dir ihre dunkelsten Gedanken erzählen, dass sie sich umbringen wollen oder Stimmen hören oder dass sie ihre Familie verletzt haben und dergleichen. Wenn ich Songs schreibe, interessieren mich diese tiefgründigen, dunklen Dinge, die ich herausholen will, wenn ich kann. Der Einfluss der Psychologie auf mein Songwriting ist dementsprechend schon sehr groß.


POPCONNECTION: Ist Songwriting für dich also auch eine Art von Selbsttherapie?

William Fitzsimmons: Ja, natürlich! Ich denke, dass ist es für jeden - nicht nur für Leute, die Psychotherapeuten und Musiker sind. Davon gibt's auch nicht so viele glaube ich. (lacht) Es ist Selbsttherapie. Und ich mag den Gedanken, anderen Menschen damit vielleicht auch ein bisschen zu helfen. Ich habe das Gefühl, dass ist der Grund, warum ich die Möglichkeit bekommen habe, Musik zu machen. Nicht, um schlechte Klamotten zu tragen, faul zu sein und sich möglichst selten zu rasieren. Das gehört natürlich auch dazu! (grinst) Es ging darum, mir selbst ein wenig zu helfen und hoffentlich auch anderen. Ich liebe es, wenn die Leute meine Musik mögen und von ihr unterhalten werden, das ist eine wundervolle Komponente. Aber will mehr. Ich möchte die Menschen mit meiner Musik herausfordern und damit konfrontieren. Mir gehen oft Gespräche nach Konzerten durch den Kopf, wenn Leute mir erzählen, dass sie sich gerade von ihrem Freund getrennt haben und meine Platte ihnen in dieser Zeit sehr geholfen hat. Das ist der Grund, warum ich das alles mache. Genau das möchte ich - und einen Haufen Geld. (grinst) Es ist also tatsächlich eine Form von Therapie.


POPCONNECTION: Dein Album "The Sparrow And The Crow" beschäftigt sich mit deiner Scheidung. Kannst du mir das Konzept des Albums ein bisschen genauer erklären?

William Fitzsimmons: Ich hatte eine ziemlich schwere Zeit, als meine Frau und ich uns getrennt haben. Ich hatte keinen Platz zum Wohnen und ich verkaufte einen Großteil meiner Instrumente, weil ich Geld brauchte. Essen ist nun mal wichtiger, als ein Haufen Gitarren. (grinst) Ich stand ziemlich neben mir und am Ende lief es darauf hinaus, dass ich eine Weile bei einem Freund in Kentucky lebte. Er und seine Frau halfen mir dabei, wieder ein Mensch zu werden. Ich begann wieder zu schreiben, um, wie ich bereits sagte, zu verstehen, was passiert war. Das Album sollte prinzipiell ein langer Brief an meine Ex-Frau sein, um ihr die Dinge zu sagen, die ich ihr erzählen wollte und wozu ich im Nachhinein keine Chance hatte. Das ist das Konzept des Albums. Für mich war es ein Weg, Dinge zu verarbeiten, weiterzumachen und ihr diese Dinge mitzuteilen.


POPCONNECTION: War es für dich auch eine Möglichkeit, überhaupt mit der Situation klar zu kommen?

William Fitzsimmons: Ja, natürlich! Und es hat funktioniert. Und dennoch war es nicht alles. Ich mein, Musik ist wundervoll, aber die Menschen sind noch viel wichtiger als die Musik. Am Ende, wenn du durch so etwas durchgemacht hast, sind es Menschen, die dich aus so einer Situation herausholen. Nicht Songs.


POPCONNECTION: Lass uns mal den Titel deines Albums genauer unter die Lupe nehmen - “The Sparrow And The Crow”: Manche Menschen glauben, dass der Sperling die Seele eines Neugeborenen auf die Welt bringt, während die Krähe die Seele eines Toten zur anderen Seite hinübergeleitet. Meine Assoziation ist demnach, dass "The Sparrow And The Crow" für den Anfang und das Ende des Lebens stehen könnte. Welche Bedeutung hat der Titel "The Sparrow And The Crow" für dich?

William Fitzsimmons: Das habe ich auch schon einmal gehört. Die verschiedenen Kulturen haben unterschiedliche Bedeutungen für Vögel. So ist die Krähe in manchen Kulturen ein Zeichen dafür, dass gute Ereignisse ins Haus stehen. In anderen Kulturen dagegen steht dieser Vogel für das Böse. Sie glauben, dass ein Feld keine Früchte tragen wird, ein schlimmer Winter bevorsteht oder jemand sterben wird, wenn man eine Krähe sieht. Seeleute tragen häufig die Tätowierung eines Sperlings. Er steht für ein Nachhausekommen. Sie glauben, wenn sie einen Sperling sehen, wird das Boot sicher wieder im Hafen ankommen und sie werden nicht auf See sterben. Für mich steht der Titel "The Sparrow And The Crow" für diesen Aspekt: Gut gegen Böse. Ich mag die Idee des Kontrasts zwischen mir und meiner Ex-Frau. Ich bin die Krähe. Ich bin derjenige, der das Böse in unsere Beziehung gebracht hat und Schuld an ihrem Ende war. Und sie war die Reine, die Loyale, die Liebe hineinbrachte.


POPCONNECTION: Im Hinblick darauf, dass du geschieden bist und deine Eltern geschieden sind: Glaubst du noch an die wahre Liebe, die bis in alle Ewigkeit hält?

William Fitzsimmons: Das ist eine große Frage. Ich denke schon. Ja, ich glaube immer noch an die Liebe. Aber ich habe eine Menge Prügel einstecken müssen; vieles, das mich ziemlich runter gezogen hat. Mein Glaube in viele Dinge ist erschüttert worden als das alles passiert ist. Nichtsdestotrotz war es mein Fehler. Ich war derjenige, der versagt hat. Ich habe das Gefühl, wenn ich die Dinge anders gemacht hätte, ein besserer Mensch gewesen wäre, dann wäre auch noch alles in Ordnung. Also kann ich immer noch an die Liebe glauben. Es geht letzen Endes darum, einen Weg zu finden, mich zu ändern. Aber es ist Arbeit. Ich hatte immer diese romantische Vorstellung davon, einen Seelenverwandten zu finden, dann ist alles ganz großartig und funktioniert von allein. Bis zu einem bestimmten Grad mag das ja auch stimmen, aber der Rest ist Bullshit. Daran glaube ich nicht mehr. Die wirkliche Schönheit einer Beziehung zeigt sich in der harten Arbeit, die man leistet. Sich in den Momenten, in denen man total wütend ist, in denen man sich hasst, hinzusetzen, gemeinsam einen Weg zu finden und zusammen zu halten. Liebe hat nichts damit zu tun, zu denken, dass eine Frau hübsch ist oder ein Mann süß. Liebe ist, an dem ganzen Mist zu arbeiten, der im Dunkeln liegt. Das ist für mich wahre Liebe. Und daran glaube ich immer noch.


POPCONNECTION: Glaubst du denn daran, dass jedes Ende einen neuen Anfang hat?

William Fitzsimmons: Puh! Das sind wirklich tolle Fragen! Ja, ich denke schon - wenn man sich dafür entscheidet. Ich glaube zwar an die Vorsehung, aber genauso glaube ich an den freien Willen. Wenn man also aus einem Ende lernt, wenn man andere um Vergebung bittet und sich selbst verzeiht, dann kann es neue Anfänge geben. Oder man kann sich auch einfach hinlegen und sterben. Man hat immer eine Wahl. Ich glaube, dass sich die Dinge ändern können. Bei mir war es so. Und bei meiner Ex-Frau auch. Wir haben beide weitergemacht. Sie hat jetzt eine Familie und Kinder. Wenn man bereit ist, zu lernen, dann kann man auch neu anfangen.


POPCONNECTION: Was ist dein persönlicher Lieblingssong auf "The Sparrow And The Crow"?

William Fitzsimmons: "Lieblingssong" ist ein sehr seltsamer Gedanke, weil die Bezeichnung "Lieblings-" immer Dinge wie gut, glücklich usw. impliziert. "Erdbeere ist meine Lieblingseiscreme" klingt anders als "Das ist mein Lieblingssong über meine Scheidung". Wenn ich mir aber einen Song aussuchen sollte, bei dem ich mich am besten fühle, dann ist es "Goodmorning", weil es darin um Hoffnung geht. Das ist es, was ich den Leuten geben will und das, was ich fühlen will. Anfangs konnte ich das nicht, es hat eine Weile gedauert. Der Song begann als eine Lüge, weil ich nichts davon geglaubt habe. Aber ich wusste, dass ich, wenn ich weitermache, an den Punkt komme, an dem er wahr wird. Das ist dann auch passiert und das ist es, was mir Hoffnung gibt. Deshalb habe ich ihn auch ans Ende der Platte gestellt. Ich wollte, dass die Leute das Album damit beenden. Auch, wenn niemand dieses Album hört. (lacht) Ich hoffe, dass die Leute diese Platte hören und mit diesem Gefühl daraus herausgehen.


POPCONNECTION: Heute Abend spielst du in einer Kirche. Ist das etwas besonderes für dich?

William Fitzsimmons: Ja, auf jeden Fall! Ehrlich gesagt ist es ein komisches Gefühl. Ich wuchs damit auf, in Kirchen zu gehen und ich denke, dass das schon besondere Orte sind. Ich fühle mich fast ein wenig frevlerisch in einer Kirche zu spielen. In Dachau sind wir auch in einer Kirche aufgetreten und es war großartig. Es war eine neue Erfahrung. Aber mir ist es wichtig, das Umfeld zu respektieren. Ich werde weniger fluchen als sonst. (lacht) Nein, es ist schon etwas besonderes und ich freue mich darauf, hier zu spielen.


POPCONNECTION: Ich danke dir sehr für das Interview!

William Fitzsimmons: Nein, ich danke dir! Das waren sehr gute Fragen!


Mehr zu William Fitzsimmons auf POPCONNECTION

SUCHE
A B C D E F G
H I J K L M N
O P Q R S T U
V W X Y Z 0-9 #
AKTUELLE INTERVIEWS

we_path

The Boxer Rebellion

we_path

William McCarthy

we_path

Nada Surf

we_path

Waxahatchee

we_path

JAPANDROIDS

we_path

DIAGRAMS
ZUFÄLLIG SCHON GELESEN?

we_path

THE BISHOPS

we_path

BEN KWELLER

we_path

ALEX LOWE
INTERN EXTERN
Kontakt Facebook
Impressum
Datenschutzerklärung
   © 2018 Popconnection.de | Das Online-Magazin für alternative Popmusik | CMS by webEdition