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POPCONNECTION - Konzerte - Fest van Cleef 2008 - 26. Juni 2008, Odonien, Köln
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Fest van Cleef 2008 - 26.06.2008, Odonien, Köln

FEST VAN CLEEF 2008

26. Juni 2008, Odonien, Köln
Autor: Katja Embacher
Foto: Jenny Schnabel

Der Wetterbericht für NRW: "Heute ist es schwülwarm mit sonnigen Abschnitten. Im Laufe des Tages bilden sich Gewitter, die örtlich unwetterartig ausfallen können. Dortmund kommt auf 26 °C, in Mettmann sind auch 29 °C drin." Nein, wir brauchen keine Sonnencreme, wir brauchen auch keine luftigleichte Sommerbekleidung mit Beinfreiheit - es ist Regen angesagt. Ein Trugschluss, wie meine Fotografin und ich feststellen, als wir am Kölner Hauptbahnhof aus dem IC aussteigen. Wie warm es in Köln ist, kann ich nicht sagen. Odonien, Kulturgelände und Veranstaltungsort des Fest van Cleef, bringt es auf gefühlte 45° C. Schattenspender Fehlanzeige. Das Festivalgelände gleicht einem Hexenkessel. Ein Schotterplatz, eingebettet zwischen verwilderten Bahndämmen, graffitigeschmückten Mauerwerkresten und verrosteten Schwermetallstreben, die aussehen, als hätte man sie mit roher Gewalt aus dem Schienenverlauf der Wuppertaler Schwebebahn gebrochen. Endzeitstimmung trifft auf Festivalflair - und Erotik. Wenn man auf die Bühne schaut, blickt man unweigerlich auf den Plattenbau des "Pascha", Europas größtem Bordell. Hier fügt sich zusammen, was zusammen gehört: Sex, Drugs and Rock 'n' Roll.

Als wir dank Verspätungen der Deutschen Bahn das Festivalgelände betreten, haben GHOST OF TOM JOAD ihr Set bereits beendet und NIELS FREVERT steht auf der Bühne.
Es ist das erste mal, dass ich den Ex-Nationalgaleristen mit kompletter Band sehe. Bisher faszinierte mich der Hamburger live immer mit akustischen Alleingängen. Die Unterstützung durch musikalische Mitstreiter und Elektro-Gitarren stehen den Songs nicht schlecht zu Gesicht. FREVERT spielt ein Potpourri aus alten und neuen Tracks. "Seltsam öffne mic"h oder "Du musst zu Hause sein" finden ebenso ihren Platz im Set wie Songs des aktuellen Albums. Mitwippen zum Knef-Cover "Ich möchte mich gern von mir trennen", Mitsingen zum All-Time-Fave "Wann kommst du vorbei". Zwischenzeitig weiß ich nicht, wen ich mehr bemitleiden soll: NIELS FREVERT und seine Mannen, die in durchschwitzen Hemden gegen die Hitze anspielen und denen die Sonne die Röte in die Gesichter treibt oder das Publikum, das in dem Kessel langsam weich gekocht wird. Diejenigen, die nicht den verwachsenen Bahndamm als Tribüne nutzen, stehen versonnen und halb gar vor der Bühne und warten gemeinsam mit FREVERT auf das Vorbeirauschen der Züge, die den Sänger bei der Probe so faszinierten. Zum Ende des Sets hat die Deutsche Bahn endlich ein Einsehen und schickt tatsächlich einen Thalys Richtung Paris vorbei.

Die Umbaupause wird genutzt, um sich mit Flüssigkeit zu versorgen. Zumindest versucht man es. Der einzige Getränkestand auf dem Gelände ist dem durstigen Besucheransturm nicht gewachsen. Der nebenstehende Schanktisch eines koffeinhaltigen Trendgetränkeherstellers reißt es ebenso wenig heraus wie die kaltgetränkebestückte Fischbude. Als ich gefühlte zwei Stunden später endlich an der Reihe bin, stehe ich kurz vor der Hyperventilation. Zumindest suggeriert mir das mein sonnengebeuteltes Haupt. Die aufkeimende Angst vor einem Kollaps animiert zum Hamsterkauf: Fünf Flaschen Wasser werden geordert und in der Tasche verstaut. Passend zu I AM KLOOT ist der Großeinkauf erledigt.

I AM KLOOT vertreten die kurzfristig ausgefallenen Voxtrot und werden mit einem schelmischen "Hello Manchester!" begrüßt. Sänger John Bramwell antwortet mit einem grinsenden "Hello Cologne!" und beginnt das Set. Der Sound bewegt sich irgendwo zwischen Turin Brakes und Elbow: Wunderbare Gitarren-Pop-Songs, denen man am liebsten gemütlich auf dem Gras liegend lauschen würde. Die fehlenden Grünflächen in Odonien vereiteln diesen Plan. Da der Schotter nicht besonders einladend ist, verfolgt man den Gig stehend mit der Wasserflasche im Anschlag. Die herbeigesehnte Abkühlung naht. Und zwar in Form von dicken Gewitterwolken, die sich, wie vom Wetterfrosch versprochen, langsam aber sicher von Düsseldorf Richtung Köln bewegen.

In der Umbaupause zu ROBOCOP KRAUS beginnt es leicht zu tröpfeln. Ist man anfangs noch froh über das erfrischende Nieseln, so werden die Tropfen mit ansteigender Quali- und Quantität doch irgendwann anstrengend. Und auch die Band leidet unter dem einsetzenden Regen: Es werden Leute auf die Bühne gebeten, die mit ihren Regenschirmen zumindest einen Teil des kühlen Nass vom teueren Equipment abhalten sollen. Auch der antreibende Sound à la Bloc Party kann mich nicht davon abhalten, irgendwann Obdach unter einem der Futterstände-Pavillons zu suchen. Schade, denn bei Sonnenschein wäre das der ideale Soundtrack zum Einrocken auf TOMTE gewesen.

Kurz bevor diese die Bühne betreten bricht der Himmel auf und lässt es wie aus Eimern schütten. Plastikfolien werden über die Monitore gezogen, hektisch telefonierende Menschen auf der Bühne, von denen man nicht weiß, ob sie sich Wetterprognosen einholen oder die Information, wie viel Wasser die P.A. ertragen kann, bevor die Sicherungen rausfliegen. Der Super-GAU bleibt aus. TOMTE erklimmen die Bühne und spielen - ohne Basser Olli Koch - dafür aber im strömenden Gewitterregen. Frontmann Thees Uhlmann verspricht demjenigen, der als erstes vom Blitz getroffen wird, ein Bier auf seine Kosten. So verlockend das Angebot klingt - unter dieser Prämisse vertrete ich ausnahmsweise die Devise "Du hast mit Thees Uhlmann Bier getrunken, ich hab ihn nur live gesehen".

Diejenigen, die sich zwischenzeitig in ihre Autos flüchten, verpassen ein grundsolides Set, angefangen von "Hinter all diesen Fenstern" bis hin zu "Buchstaben über der Stadt". Und auch neue Tracks haben Uhlmann und Co. in petto: "Planet" oder "Küss mich wach, Gloria" bieten einen Ausblick auf das kommende Album, das laut Thees mit "Heureka!" betitelt sein wird. Was soll man sagen?! Man darf gespannt sein und sich freuen! Ein wenig ratlos ist man in Bezug auf Thees Uhlmanns Ansagen. Ist der TOMTE-Frontmann zwar berühmt-berüchtigt für seine flapsigen Sprüche, so wirkt er beim Fest van Cleef beinahe wie ein Duracell-Häschen, das man zu einem verbalen Maschinengewehr umfunktioniert hat. Der fliegende Themenwechsel in Überschallgeschwindigkeit sorgt dafür, dass mir fast schwindlig wird. Als ich den Uhlmannschen Ausführungen nicht mehr folgen kann, beschränke ich meine Konzentration auf das musikalische Gesehen. Das lohnt sich dafür umso mehr. Spätestens als bei "New York" die Bridge einsetzt, haben mich die Jungs wieder. Wäre ich nicht durchnässt bis auf die Knochen, würde ich zu "Buchstaben über der Stadt" oder "Schreit den Namen meiner Mutter" frohlockend mitsingen. So jedoch bleibt mir nur das bedröppelte Zuschauen und das Hoffen auf eine Wolkenlücke. Den Schluss bildet "Die Schönheit der Chance", an die man wirklich zu hoffen wagt, als der Gewitterregen langsam nachlässt.

Durchgefroren harrt man die Umbaupause aus, bis der Hauptact des heutigen Abends die Bühne betritt. KETTCAR eröffnen mit "Graceland", Singleauskopplung des aktuellen Longplayers "Sylt". Es folgen "Kein Außen mehr" und "48 Stunden". "Mach immer was dein Herz dir sagt und begrab es an der Biegung des Flusses" schleudert das Publikum Wiebusch und Co. entgegen und hinterlässt das Gefühl eines überdimensionalen Kloßes in meinem Hals und eine Gänsehaut auf meinem Rücken, die definitiv nicht mit der Kälte zusammenhängt. Die Anwesenden erwartet ein sehr ausgewogenes Set. Freunde und Verfechter des Debüts "Du und wie viel von deinen Freuden" kommen ebenso auf ihre Kosten, wie KETTCAR-Novizen, die erst bei "Sylt" eingestiegen sind. Bei der Hamburg-Hymne "Landungsbrücken raus" recken sich die Fäuste in den Abendhimmel und die Chöre setzen ein. Die Leute sind da, sie bleiben da und gehen mit. Gänsehaut die zweite. KETTCAR gewinnen. Sie gewinnen gegen Regen und kühle Abendluft. Gegen alle, die geunkt haben, die neue Platte markiere den Status Quo Altherrenmusik. Und sie gewinnen mich - einmal mehr. Eine alte Liebe, die seinerzeit auf dem ersten KETTCAR-Gig im Münsteraner Gleis 22 angefangen hat und in der ich mich heute Abend fühle, wie ein 15-jähriger Teenager, der zum ersten Mal richtig verknallt ist. "Endlich einmal etwas, das länger als vier Jahre hält" wäre Thees Uhlmanns Antwort darauf. Bei "Agnostik für Anfänger" wird lauthals das Wort "langweilig" mit geschrieen. Wahrscheinlich wäre dies auch ohne die vorausgehende Aufforderung von Marcus Wiebusch geschehen. Als sich "Fake For Real" mit seinen Moll-Akkorden und Verzerrern bedrohlich in den Abendhimmel hineinbohrt und sich grimmig gegen die letzten Wolkenreste auftürmt, scheinen KETTCAR den Kampf mit dem Wettergott endgültig für sich entschieden zu haben. Den Abschluss bildet "Am Tisch", bei dem nicht nur Akkordeon und Trompete aufgefahren werden, sondern auch NIELS FREVERT auf die Bühne gebeten wird. Das Zusammenspiel der beiden Gesangsparts funktioniert live ebenso gut, wie aus der Konserve. Gänsehaut die dritte und letzte für heute Abend. Der Hinweis auf die folgende Aftershow-Party ist dem Publikum nicht genug. Es fordert Zugaben und bekommt diese auch. KETTCAR beenden den Abend mit "Ausgetrunken" und "Deiche" und lassen sich aufgrund immer wieder einsetzender Chöre noch zu "Balu" überreden, bevor das "Pascha" das Ordnungsamt ruft.

In klammer Kleidung aber mit einem wohligen Gefühl im Bauch macht man sich auf den Heimweg, den man dank einer glücklichen Fügung gemeinsam mit Bekannten im Auto zurücklegen kann. Beeindruckende Blitze tauchen die A1 in eine surreale Lightshow, die die des GHvC um einiges überbietet. Dafür war die musikalische Unterhaltung in Odonien um Klassen besser. KETTCAR danken der Academy, ich danke dem Grand Hotel van Cleef für einen wunderbaren Festivaltag. Was sind schon Hitze, Gewitter und Regen gegen eine Liebe zur Musik, eine Liebe zu den Tönen?!




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