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POPCONNECTION - Konzerte - Tomte - 01. Juni 2006, Alter Schlachthof, Lingen
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Tomte - 01.06.2006, Alter Schlachthof, Lingen

TOMTE

01. Juni 2006, Alter Schlachthof, Lingen
Autor: Katja Embacher
Foto: Pressefoto

Zugegeben, das schöne Städtchen Lingen erinnert mich doch stark an jene ländliche Idylle, in der ich aufgewachsen bin, diese ruhige Beschaulichkeit, die nur Kleinstädte vermitteln. Am Rande des pittoresken Ortskerns liegt der Alte Schlachthof, in dem sich heute die Herren von Tomte die Ehre geben.

Kaum, dass ich mich an den Kartenabreißern vorbei in den dunklen, prall gefüllten Konzertsaal geschoben habe, kriecht auch schon die nächste Reminiszenz an längst vergessen geglaubte Zeiten durch meine Hirnwindungen: Die Theke des Alten Schlachthofs erinnert stark an die in meiner Heimatregion berühmt-berüchtigten Scheunenparties. Ein vom Aufbau her einem Schützenfest-Bierstand ähnelnder Tresen, vor dem sich junge Menschen tummeln, um sich mit einem kühlen Blonden aus dem 0,3l-Plexiglas zu erfrischen. Ich gesell mich dazu und lausche von diesem Standort aus den Klängen des Tomte-Supports Black Rust. Die Jungs machen ihre Sache wirklich gut: Feinster Indie-Pop, sicher vorgetragen und sympathisch sind die Herren noch dazu. Eine sehr gelungene Einführung in den nachfolgenden Haupt-Act.

Beschwingt bewege ich mich in der Umbaupause in Richtung Bühne. Trotz der vielen Menschen lässt es sich am Rand angenehm leicht voran kommen. Plätzchen gesucht und in einer Menschentraube auf der linken Seite der Halle gefunden, direkt vor den Pedalen Olli Kochs. Kurz darauf wird das Licht gedimmt, das Warten hat ein Ende: Ladies and Gents - Tomte has entered the Stage! Ein freudig-erregtes Grinsen macht sich in meinem Gesicht breit, als ich die ersten Klänge des Openers höre: "Was den Himmel erhellt", einer meiner Lieblingstracks des aktuellen Albums "Buchstaben über der Stadt". Band kaum da, Schreiberin schon glücklich - "So soll es sein", an dieser Stelle nicht nur Ende des Satzes, sondern auch zweites Stück, das die Herren aus dem hohen Norden auf der Bühne zum Besten geben. Und genau hier setzen hinter mir auch die inbrünstigen Chöre freudig hüpfender Jungerwachsener ein. Was soll's, bin zwar schon eher erwachsen als jung, sing aber trotzdem mit und werde auch prompt in den Gemeinschaftsgesangsverein integriert.

Die Setlist ist mit Liebe und Bedacht zusammengestellt. Neben Songs wie "Walter und Gail", "Norden der Welt", "Warum ich hier steh", "New York" und "Geigen bei Wonderful World", die allesamt auf bereits oben erwähnter LP zu finden sind, beglücken Tomte ihr Publikum mit einem Potpourri der beiden älteren Alben "Hinter all diesen Fenstern" und "Eine sonnige Nacht". Ausgeschmückt wird dieses wunderbare Konzert wie immer durch Thees Uhlmanns herrliche Annekdoten, die meinem erinnerungsträchtigen Abend nun einen vollends nostalgischen Hauch verleihen. So schwadroniert Uhlo wehmütig über die guten alten Support-Zeiten, in denen Tomte die MS-Rock-City-Punks von Muff Potter im Lingener Schlachthof als Vorgruppe begleiteten. Stories über Sänger Nagel, wie er leibt und lebt. Eine hochgestemmte Palette Bierdosen über dem Kopf balancierend, bereit, diese kurz darauf in die johlende Menge zu werfen. Tribut zollt Thees diesen Momenten, als er bei "Wilhelm das war nichts" anstelle "zum Beispiel Van Pelt in der Wingst" "zum Beispiel Muff Potter in Lingen" singt. Herrlich auch die Geschichten über Abiturnoten, die die Schreibende an längst vergessenen (oder verdrängte) Zeiten erinnern. Und dann holt Herr Uhlmann die Lauschenden ins Hier und Jetzt zurück, als er über den sich ab 30 wandelnden Biorhythmus schwatzt: Hoppla, da fällt mir siedend heiß ein, wie alt ich eigentlich bin.

Vorbei die Reise in die Zeiten, in denen alles was man brauchte, Zigaretten und Alkohol waren, in denen man sich das erste Mal das Auto der Eltern lieh, um auf die nächste Scheunenparty zu fahren. "Und die Zeit versucht zu trösten und die Liebe versucht zu bewahren, dass man weiß, dass man drüber hinweg kommt, wie man früher einmal war" - spätestens bei "Du bist den ganzen Weg gerannt" komm ich in der Gegenwart an. Beselt von dieser kleinen Zeitreise lausche ich den Klängen von "Geigen bei Wonderful World".

Abpfiff, kurze Pause und dann geht's auch schon mitten rein in die zweite Halbzeit. Die Zugaben stehen an, die Bühne ist dunkel, bis auf ein, zwei Spots, die sich auf Thees richten, als dieser allein die Stage betritt und "Das war ich" auf der Akustik-Gitarre spielt. Ich tauche ein in diese wunderbare Melancholie, die den Track begleitet. Einer dieser Songs, bei dem man der Welt ein letztes tränenüberströmtes Lächeln entgegenschmettern möchte. Bevor es dann doch zu dramatisch wird, ziehen Tomte die Reißleine und hauen dem glücklich-faszinierten Lingener Publikum die Mitrock-Stücke "Ich sang die ganze Zeit von dir", "Korn und Sprite" und "Die Schönheit der Chance" um die Ohren. "Das ist nicht die Sonne, die untergeht, sondern die Erde, die sich dreht..." - ein wunderbarer Ausklang des Abends.

"Einmal Tomte in Lingen bitte..." - eine Fahrkarte back to the roots und wieder zurück, eine Retrospektive auf die guten alten Zeiten. Und ich war dort, ich bin den ganzen Weg mitgegangen, "den ganzen weiten Weg, bis zu dir hier her". Ich verlasse die Halle, die kühle Nachtluft hüllt mich ein und ich trete den Heimweg nach Münster an. Müde, selig grinsend und mit dem Wissen im Herzen, dass sich dieser Weg auf jeden Fall gelohnt hat.
 


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